Was ist die biblische Basis für den freien Willen?

Frage: Viel von deiner Theologie gründet auf einer Fähigkeit, die Menschen angeblich besitzen, nämlich dem Willen Gottes durch freie Entscheidungen zu widerstehen. Aber was ist die biblische Basis für deine Schlussfolgerung, dass Menschen „Freiheit“ haben – wenigstens „Freiheit“ in dem Sinne, dass wir uns für oder gegen Gottes Willen für unser Leben entscheiden können?

Antwort: Die Schrift beschreibt die Menschen mit eigenem Verstand und eigenem Willen.  Menschen sind in einem wirklichen (wenn auch beschränkten) Sinn Schöpfer ihres eigenen Verhaltens und Bestimmer ihres eigenen Schicksals – unabhängig davon, ob dieses Verhalten und Schicksal mit Gottes Wille übereinstimmt oder nicht. Diese grundsätzliche Annahme wird auf verschiedene Art und Weise in der ganzen Schrift aufgezeigt. In 5. Mose 30 kommt das klar zum Ausdruck, als Yahweh den Kindern Israels sagt:

11) Die Gebote, die ich euch heute gebe, sind ja nicht zu schwer für euch oder unerreichbar fern.

15) »Und nun hört gut zu! Heute stelle ich euch vor die Entscheidung zwischen Glück und Unglück, zwischen Leben und Tod.

16) Ich fordere euch auf: Liebt den HERRN, euren Gott! Geht den Weg, den er euch zeigt, und beachtet seine Gebote, Weisungen und Ordnungen! Dann werdet ihr am Leben bleiben und zu einem großen Volk werden. Der HERR, euer Gott, wird euch segnen in dem Land, das ihr jetzt einnehmen wollt.

17) Ganz anders wird es euch ergehen, wenn ihr dem Herrn den Rücken kehrt und eure Ohren vor ihm verschließt, wenn ihr euch dazu verführen lasst, anderen Göttern zu dienen und sie anzubeten.

18) Dann werdet ihr nicht lange in dem Land bleiben, in das ihr jetzt kommt, wenn ihr den Jordan überquert. Das sage ich euch klar und deutlich. Ihr werdet zugrunde gehen.

19) Himmel und Erde sind meine Zeugen, dass ich euch heute vor die Wahl gestellt habe zwischen Leben und Tod, zwischen Segen und Fluch. Wählt das Leben, damit ihr und eure Kinder nicht umkommt!

(Hoffnung für Alle)

Ob die Kinder Israels gesegnet oder verflucht werden, hängt davon ab, wie sie wählen. Gott stellt sie vor die Wahl zwischen Leben und Tod. Sie entscheiden aber selbst, welche der Möglichkeiten sie wählen und verwirklichen.

Beginnend im Garten Eden, in welchem Gott Adam und Eva mit der Fähigkeit erschuf, ihm zu gehorchen oder ungehorsam zu sein, und weiter durch die ganze Bibel bis hin zum Neuen Testament, in dem Leben und Tod als abhängig von der Annahme oder Ablehnung des Erlösers dargestellt werden, zeigt die Bibel auf, dass die Menschen ihr Handeln selbst bestimmen und sich durch die Entscheidungen, die sie treffen, ihr eigenes Schicksal schaffen. Gottes Wille ist eindeutig: Er möchte, dass alle Menschen den Gehorsam und damit das Leben wählen und nicht den Tod. Leider weisen viele Menschen Gott freiwillig zurück, zu ihrer eigenen Zerstörung. Wesen mit freiem Willen zu erschaffen ist riskant, selbst für Gott (Mehr zu diesem Thema siehe John Sanders, „The God Who Risks: A Theology of Providence“).

Im Allgemeinen bezeichnet die Schrift den freien Willen freier Wesen als die letztendliche Erklärung ihres eigenen Verhaltens. Somit sind sie auch moralisch verantwortlich dafür. Wenn die Schrift irgendeine Person beschreibt, welche diese oder jene Entscheidung trifft oder diese oder jene Tat ausführt, dann geht sie davon aus, dass diese Person auch die volle Verantwortung für die Entscheidung oder die Tat trägt. Dies steht im Gegensatz zu der traditionellen Sichtweise (der meisten Reformatoren) eines vorherbestimmten göttlichen Planes. Mit anderen Worten, in der Bibel wird generell nicht davon ausgegangen, dass es darüber hinaus einen übergeordneten göttlichen Plan gab, dem das Wesen, das sich entschieden hat, heimlich folgte.

Natürlich gibt es diesbezüglich Ausnahmen in der Schrift, und wir werden sie im weiteren Verlauf dieser Blog-Reihe in Betracht ziehen. Aber diese Ausnahmen bestätigen die Regel. Freie Wesen folgen nicht einer vorgefertigten Geschichte. Während Gott das Gesamtbild der sich entwickelnden Weltgeschichte im Auge behält, wird der Ablauf der biblischen Geschichte in unterschiedlichem Grade von den jeweils teilnehmenden Charakteren mitbestimmt.

Selbstbestimmung und das Herz

Die Bibel beschreibt dieses freie Zentrum des menschlichen Wesens indem sie vom „Herzen“ spricht. Jesus sagt, das Herz sei wie ein Baum: es bringt gute oder schlechte Frucht, abhängig von seiner Natur (Lukas 6, 43-44). Deshalb fährt er fort, „Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens das Gute hervor, und der böse bringt aus dem bösen das Böse hervor“ (Lukas 6,45 ELB). Es ist keine weitere Erklärung für den Zustand der Frucht nötig. Jesus lehrt, dass „aus dem Herzen“ alle „bösen Gedanken“, und auch „Mord, Ehebruch, und Unzucht“ kommen (Matt. 15,19). Die letztendliche Erklärung des menschlichen Verhaltens findet man in diesem selbstbestimmenden Zentrum des menschlichen Wesens.

Im gleichen Sinne wird auch von Salomo gesagt, dass er tat was „böse war in den Augen des HERRN“ weil „er sein Herz von dem HERRN abgewandt hatte…“ (1. Könige 11,6.9). Auch König Rehabeam „tat, was böse war; denn er richtete sein Herz nicht darauf, den HERRN zu suchen.“ (2. Chron. 12,14). Ebenso bestand der letztendliche Grund, wieso Zedekia „tat, was böse war in den Augen des HERRN“ und sich nicht „demütigte vor dem Propheten Jeremia“ darin, dass er „seinen Nacken verhärtete und sein Herz verstockte, so dass er nicht umkehrte zu dem HERRN…“ (2. Chron. 36,12-13). Und der Grund wieso Jerusalem während der Zeit Jeremias moralisch dermaßen tief gesunken war, bestand gemäß der Bibel darin, dass Gottes Volk ein „störrisches und widerspenstiges Herz“ hatte und „abgewichen und weggegangen“ war von ihrem Herrn (Jer. 5,23). Daher fragte sie der Herr, „Wie lange sollen deine heillosen Pläne in deinem Innern schlummern?“ und lädt sie ein „Wasche dein Herz rein von Bosheit, Jerusalem, damit du gerettet wirst!“ (Jer. 4,14).

Die Bibel lehrt so klar wie das nur möglich ist, dass Menschen die Fähigkeit haben, Gottes Willen widerstehen zu können, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Lukas berichtet „die Pharisäer und die Lehrer des Gesetzes verwarfen für sich Gottes Ratschluss und ließen sich nicht von ihm [Johannes] taufen.“ (Lukas 7,30; Hervorhebung hinzugefügt). Wie könnte die Schrift noch klarer sein als dies? Genauso sagt der Herr in Jesaja, „So spricht der HERR: »Wehe euch, ihr widerspenstigen Kinder! Lasst euch warnen! Ihr führt eure eigenen Pläne aus, die nicht von mir stammen. Ihr schließt Verträge ab, die nicht meinem Willen entsprechen. So ladet ihr immer mehr Schuld auf euch.“ (Jes. 30,1). Erneut, wie kann die Schrift noch deutlicher werden?

Der Gott, der nicht immer das bekommt was er will

Die Bibel geht davon aus, dass Menschen, die nach dem Bild des freien Schöpfers geschaffen wurden, die Fähigkeit besitzen selbst frei zu schaffen. Dies ist zumindest ein Teil dessen, was die Schrift meint, wenn sie sagt, dass Menschen nach Gottes Bild geschaffen wurden (1. Mose 1,26-27). Wir spiegeln Gottes Selbst-Bestimmung wieder. Wir denken, handeln und bestimmen unser Schicksal aus unserem „Herzen“ heraus. Der Herr setzt uns die Möglichkeiten unseres Lebenswegs vor, darin inbegriffen auch die Möglichkeit von Leben und Tod. Aber wir verwirklichen aus freien Stücken diejenigen Möglichkeiten, die unser „Herz“ begehrt.

Dass die Schrift keine „abgeschwächte oder kompatible Vorherbestimmung“ beschreibt, wird in der Tatschache klar erkennbar, dass Menschen ihre Freiheit oft auf eine Art und Weise verwenden, die Gottes Willen direkt widerspricht. Menschen sind keine Puppen die Gott heimlich kontrolliert, sondern freie Wesen, die einen bedeutenden Anteil Selbstkontrolle über ihre Leben haben. Sie können entweder entsprechend dem Willen ihres souveränen Schöpfers handeln oder sich ihm widersetzen.

Dies widerspricht der klassischen Vorstellung, dass alles, was sich in der Weltgeschichte zuträgt, Gottes souveränen Willen reflektiert. Vielmehr widerspiegelt die Geschichte häufig eher den Willen von Geschöpfen, die sich dem Willen ihres souveränen Schöpfers entgegenstellen. Die Bibel lehrt unmissverständlich, dass Gott keine Sünde will. Aber offensichtlich gibt es noch immer Sünde. Ähnlich weist die Bibel ausdrücklich darauf hin, dass es Gottes Wille ist, das niemand verloren geht (1. Tim. 2,4; 2. Pet. 3,9). Aber trotzdem gehen viele verloren. Folglich ist es klar, dass nicht immer Gottes Wille geschieht und dass Gottes Herz oft betrübt wird.

Nur in diesem Licht macht Jesu Klage über Jerusalem überhaupt Sinn:

„Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!“ (Mat. 23,37)

Das Herz Gottes ist eindeutig ein Herz, das Freiheit gewährt und das aus diesem Grund manchmal schwer leidet. Im Fall von Matthäus 23,37 war es wegen dem, was der Sohn Gottes sich wünschte, aber nicht erhielt! Die Tatsache, dass die meisten Theologen der klassischen Tradition es nötig fanden diese Klage nicht dem Herzen des ewigen Gottes, sondern nur der Menschlichkeit Christi zuzuschreiben, zeugt einfach vom Ausmaß, mit welchem ein nicht-biblisches philosophisches Konzept über Gott (hier Gottes Unveränderlichkeit) die biblische Exegese unterwandert hat.

Der Kosmos als eine Gesellschaft von Wesen mit freiem Willen

Jedenfalls ist es klar, dass die Weltsicht der Bibel, im Gegensatz zur hellenistisch-philosophischen Sicht der Vorherbestimmung, die Annahme nicht zulässt, dass die gegenwärtige Realität (Sünde und Böses inbegriffen) abschließend dadurch erklärt werden kann, dass man sich auf einen einzigen göttlichen Willen oder Verstand bezieht. Während die Welt als Ganzes von Gott geschaffen wurde, ist der Zustand der Welt an einem beliebigen Zeitpunkt ihrer Geschichte nicht einzig und alleine das Resultat von Gottes Willen, sondern auch eine Folge des Willens vieler anderer Geschöpfe, welche die von Gott gegebene Fähigkeit haben sich selbst zu bestimmen, und daher in einem gewissen Grade den Lauf der Weltgeschichte mitbestimmen. Die letztendliche Erklärung wieso „die Dinge sind wie sie sind“, findet man nicht in einem einzigen, alles-kontrollierenden diktatorischen Willen, sondern in der Myriade freier Wesen mit freiem Willen.

Original:  http://reknew.org/2008/01/what-is-the-biblical-basis-of-free-will/

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