Glaube & Zweifel 2/3: Glaube ist nicht Gewissheit

In seinem ersten Artikel „Gibt es Platz für Zweifel im Glauben?“ hat Greg Boyd eben diese Frage erörtert. Nachfolgend führt er eine Reihe von Gründen auf, weshalb er glaubt, dass ein sich an mentale Sicherheit und Überzeugung festklammernder Glaube in die Irre führt.

(Dies ist eine Zusammenfassung der Artikel „Rethinking our View of Faith“, „Benefit of the Doubt“ und „Nine reasons Faith does not equal certainty“.)

Eines der Dinge, an die Christen typischerweise glauben und mit dem ich ziemlich zu kämpfen hatte, ist das Konzept des Glaubens. Wie die meisten Christen ging ich früher davon aus, dass der Glaube einer Person der Glaubensgewissheit dieser Person entspricht. Und demzufolge ging ich davon aus, dass der Zweifel der Feind des Glaubens ist. Wenigstens drücken sich Christen normalerweise so aus.

Ich habe den Eindruck, dass viele, wenn nicht sogar die meisten, freikirchlichen Christen ihre Gewissheit, dass sie „erlöst“ sind, darauf bauen, dass sie die richtigen Glaubenslehren für wahr halten. Das ist der Grund wieso viele, wenn nicht die meisten, dann denken, dass Häretiker, welche an falsche Glaubenslehren glauben, verloren sind. Diese Art der Gewissheit ist auch mit der weit verbreiteten Annahme verbunden, dass der Glaube einer Person genau so stark ist, wie diese Person bezüglich ihres Glaubens gewiss  – also frei von Zweifel – ist.

Diese Vorstellung von Glauben wirft einige sehr berechtigte Fragen auf – genau die Art von Fragen, von denen man uns abrät, sie zu stellen; aber ich stelle sie trotzdem. Zum Beispiel lehrt uns die Schrift, dass wir aus Glauben gerettet sind und dass die Kraft des Gebets, sei es für Heilung oder für andere Segnungen, direkt mit dem Glauben der Person zusammenhängt. Aber wieso sollte Gott die Fähigkeit belohnen, sich selbst einzureden, dass etwas wahr ist? Was ist besonders toll an der Fähigkeit, Zweifel beiseite zu schieben und sich selbst einer These sicher zu fühlen?

Ich denke, dass es Zeit ist nachzuprüfen was es bedeutet Glauben zu haben. Über die Jahre habe ich 9 Gründe gefunden, welche aufzeigen, wieso Glaube nicht gleichbedeutend mit Gewissheit ist.

  1. Das Glaubensmodell, das Menschen ermutigt, Zweifel zu vermeiden und nach Gewissheit zu streben macht aus einem untugendhaften Verhalten eine Tugend.

Wieso sollte Gott die Erlösung einer Person – und in einigen Formen des Christentums auch andere „Segnungen“ wie z.B. geheilt zu werden – davon abhängig machen, wie sehr sich jemand von etwas selbst überreden kann? Was ist lobenswert an dieser Fähigkeit? Die Fähigkeit einer Person, sich so zu verhalten, hat nichts mit ihrem Charakter zu tun.

Die Fähigkeit, sich selbst ein Gefühl der Gewissheit über bestimmte Dinge beizubringen, ist nicht lobenswert. Je rationaler eine Person ist, desto weniger besitzt sie diese Fähigkeit. Je einfacher und leichtgläubiger eine Person ist, umso besser wird sie es schaffen. Gott liebt einfache und leichtgläubige Menschen, aber es gibt keinen Grund, zu denken, dass sie deswegen Heilige sind! Der Versuch, sich selbst zu versichern, dass die eigenen Überzeugungen richtig sind, und sich gleichzeitig zu bemühen, Zweifel zu vermeiden, ist irrational und reduziert den Glauben auf eine Art mentale Trickserei.

Wieso sollte Gott also den Glauben zum Zentrum seiner Beziehung zu uns machen, wenn sich beim Glauben alles darum dreht, sich selbst etwas vorzumachen?

  1. Das Gewissheit suchende und Zweifel meidende Glaubensmodell reduziert Glauben auf einen mentalen Trick.

In meinem Buch „Benefit of the Doubt“ beschreibe ich, dass es beim biblischen Glaubensmodell um den Charakter geht. In dem wertvollen Bundes-Konzept geht es um unser Vertrauen zum Anderen und unsere Glaubwürdigkeit für andere. Diese Art Glaube beschäftigt sich nicht damit, psychologische Gewissheit über irgendetwas zu erlangen. Im Gegenteil, bei dieser Art Glaube geht es gerade deswegen um unseren Charakter, weil es um unsere Bereitschaft geht, uns inmitten von Ungewissheit und trotz Zweifel auf eine Handlungsweise zu verpflichten. Das Gewissheit suchende Glaubensmodell reduziert das wertvolle Bundes-Konzept auf einen mentalen Trick, denn es ist nun einmal so, dass die Fähigkeit, Zweifel beiseite zu schieben und sich von etwas mittels eines Willensaktes gewiss zu werden, tatsächlich ein mentaler Trick ist, den manche Menschen mit sich selbst machen können, während es andere nicht hinbekommen.

  1. Der Gewissheit suchende Glaube ist irrational.

Der rationale Weg Glaubensüberzeugungen zu formen besteht darin, das Maß unseres Vertrauens in eine Überzeugung auf der Stärke der Beweise und/oder Argumente dafür oder dagegen zu gründen. Je stärker die Beweise und/oder Argumente für eine Überzeugung sind, desto größer unsere Zuversicht, dass diese Überzeugung wahr ist. Der Versuch, durch einen Willensakt unsere Zuversicht über das durch Beweise gerechtfertigte Maß hinaus aufzublähen, ist einfach irrational. Und trotzdem hängt in der Vorstellung vieler Christen das ewige Schicksal der Menschen genau von dieser Fähigkeit ab!

  1. Der Gewissheit suchende Glaube erzeugt eine Lernphobie und macht unflexibel und verletzlich

Die Idee, dass die eigene Erlösung davon abhängt, dass man selbst von den „richtigen“ Glaubenslehren ausreichend fest überzeugt  bleibt, kann dazu führen, dass Menschen Angst haben, Dinge zu lernen, wenn diese die Richtigkeit ihrer Glaubensüberzeugungen in Frage stellen. Dies erzeugt eine Abwehrhaltung gegen Lernen, welche wiederum dazu führt, dass viele in ihrer Fähigkeit, objektiv, ruhig und liebevoll über die eigenen Glaubensüberzeugungen zu reflektieren und zu debattieren, unreif bleiben.

Das auf Gewissheit basierende Glaubensmodell macht uns darin unflexibel, wie wir an unsere Überzeugungen herangehen können, und es macht uns verletzlich gegenüber den vielfältigen Angriffen auf unsere Überzeugungen. Alles ist dann ein Gesamtpaket, das wir als Ganzes übernehmen müssen, um uns geliebt, wertvoll und sicher zu fühlen. Deshalb können wir es uns nicht leisten, flexibel zu denken, und deshalb läßt uns dieses Modell mit einem zerbrechlichen Glauben allein, der leicht zerstörbar ist.

  1. Das Zweifel vermeidende Glaubensmodel ist an der Wahrheit nicht interessiert.

Angenommen ich will ein Auto erwerben, welches der Händler in den höchsten Tönen anpreist, um den exorbitanten Preis, den er verlangt, zu rechtfertigen. Bevor ich mein hart verdientes Geld auf den Tisch lege, werde ich das Fahrzeug gründlich untersuchen wollen, um festzustellen ob die Behauptungen des Händlers wahr sind. (In der Tat würde ich jemanden einstellen, der das für mich übernimmt, da ich nichts von Autos verstehe). So müssen wir auch vorgehen, wenn wir herausfinden wollen, ob ein Wahrheitsanspruch tatsächlich wahr ist.

Wie sollen wir in diesem Licht das Glaubensmodell bewerten, das Glaubende ermutigt, Zweifel beiseite zu schieben, und danach zu streben, so gewiss wie möglich zu sein, dass die Dinge die man bereits glaubt, wahr sind? Die unausweichliche Antwort lautet, dass diese Menschen einfach gar nicht an der Wahrhaftigkeit ihres Glaubens interessiert sind. Tatsache ist, dass man gar nicht an Wahrheit interessiert sein kann, wenn man zur gleichen Zeit versucht, sich selbst zu überzeugen, dass das wahr ist, was man sowieso bereits glaubt. Man muss bereit sein, das anzuzweifeln, was man zurzeit glaubt, wenn einem die Wahrhaftigkeit des eigenen Glaubens wichtig ist.

Ich zweifle nicht an der Aufrichtigkeit derer, die dieses Glaubensmodell anwenden, wenn sie behaupten, die Wahrheit zu glauben. Aber bei allem Respekt, ich kann die Schlussfolgerung nicht vermeiden, dass sie sich ernstlich selbst etwas vormachen.

  1. Das Gewissheit suchende, Zweifel vermeidende Glaubensmodel neigt zur Heuchelei.

Ich erinnere mich an eine Apologetische Konferenz, in welcher der Sprecher verschiedene Lehren des Islam einer gründlichen Kritik unterzog. Als der Sprecher anschließend Fragen beantwortete, fragte eine Person, wie sie ihren muslimischen Nachbarn „retten“ könnte, wenn dieser sich seines Glaubens absolut sicher war und überzeugt, dass das Christentum falsch war. Im Prinzip antwortete der Sprecher folgendes: Solange ein Nichtchrist unwillig ist, zu einem gewissen Grade an der Richtigkeit seines Glaubens zu zweifeln, gibt es keine Hoffnung für ihn. Aber er versicherte der fragenden Person, wenn Muslime und andere Ungläubige dem Geist Gottes widerstehen und hochmütig die Richtigkeit ihrer Ansichten glauben würden, dann sei es allein ihre eigene Schuld.

Ich stimme vollständig zu, dass jemand dafür offen sein muss, seinen Glauben zu hinterfragen, wenn man ihn jemals von etwas anderem überzeugen will. Aber es erscheint mir heuchlerisch, wenn Christen das von anderen fordern, aber nicht bereit sind, es auch selbst zu tun. Tatsächlich sieht man es in dem Zweifel vermeidenden Glaubensmodell, über welches wir sprechen,  für Christen als tugendhaft an, sicher zu sein, dass sie Recht haben, aber bei Anderen hält man es für ein verdammungswürdiges Laster, wenn sie das Gleiche tun. Umgekehrt halten es viele für Sünde, oder wenigstens als ein Zeichen von mangelhaftem Glauben, wenn Christen ihren Glauben hinterfragen, während sie es als eine Sünde ansehen, wenn andere ihren Glauben NICHT in Frage stellen.

Ist das nicht heuchlerisch? Ich erinnere mich an Jesu Lehre über den Splitter in den Augen Anderer, während wir den Balken in unseren eigenen Augen nicht wahrnehmen.

  1. Das Glaubensmodell, das Menschen dafür belohnt den Zweifel beiseite zu schieben um sich selbst sicher zu fühlen, ist psychologisch schädlich.

Vor Jahren nahm ich an einem Gebetstreffen für einen jungen Mann, der an Krebs erkrankt war, teil. Wir wurden alle ermutigt, Glauben zu haben und nicht zu zweifeln, damit dieser junge Mann geheilt werden könnte. „Es wird unserm Freund nach unserem Glauben geschehen“ sagte eine Frau. Sofort fühlte ich, ebenso wie alle anderen, den Druck, dass das Leben dieses Mannes in der Schwebe hing, während wir versuchten den Zweifel beiseite zu schieben und uns selbst von seiner bevorstehenden Heilung zu überzeugen, damit er auch tatsächlich geheilt werden könnte.

Das ist psychologische Folter! Aber wie ich bereits sagte, steht noch viel mehr auf dem Spiel, denn die meisten freikirchlichen Christen behaupten, dass unser ewiges Heil von dieser mentalen Trickserei abhängt!

Dieser junge Mann starb letztendlich an Krebs, und das bringt mich zu einer weiteren Dimension des psychologischen Schadens, den dieses Modell verursachen kann. In meiner langen Dienstzeit als Pastor traf ich Dutzende Menschen, die ihren eigenen „Mangel an Glauben“ für den Tod eines geliebten Menschen oder für eine andere Tragödie verantwortlich machten. Eine liebe Frau die ich einmal traf, war von ihrem Pastor und der Kirche, die sie besuchte, glauben gemacht worden, dass der Grund für die körperliche und mentale Behinderung ihres Kindes in ihrem Mangel an Glauben bestand. Ich versuchte verzweifelt, ihr zu helfen einzusehen, dass sie nicht schuld war, aber vergebens. Eine kurze Zeit später erfuhr ich, dass sie zuerst ihrem Kind und dann auch sich selbst das Leben genommen hatte. Glaubt mir, diese Art Glaube ist schädlich und potentiell tödlich!

  1. Das Gewissheit suchende Glaubensmodell setzt ein hässliches Gottesbild voraus.

Ich erinnere mich, wie ich mir in dem oben erwähnten Gebetstreffen Gott im Himmel vorstellte, der zu uns sagt: „Wenn ihr fähig seid, euch selbst zu überzeugen, dass euer Freund geheilt wird, dann wird er geheilt werden. Andernfalls wird er sterben.“ Ich weiß noch, wie ich darüber nachdachte, wie dieses Bild mit der Offenbarung Gottes, die uns in Christus gegeben wurde, übereinstimmt. Es scheint mir, dass dieses Glaubensmodell Gott eher als einen Al Capone darstellt. Es war, als ob er unseren Freund gefangen hielt, während er die bizarre Forderung stellte, wir sollten uns an dem mentalen Trick, uns selbst zu überzeugen, beteiligen, wenn wir wollten, dass er lebt.

Und erinnert euch, in diesem Glaubensmodell macht Gott das nicht nur mit der Heilung von Menschen; ob Menschen im Himmel oder in der Hölle enden werden, hängt mit ihrer Fähigkeit zusammen, der Forderung zu genügen, der richtigen Glaubenslehren ausreichend gewiss zu sein.

Menschen glauben zu machen, dass ihre Erlösung oder auch andere Dinge – z.B. ob ein Freund am Leben bleibt oder stirbt – davon abhängen, wie sicher und überzeugt man sich fühlt, ist psychologische Folter und setzt ein hässliches, tyrannisch-kontrollierendes  Bild von Gott voraus.

Gott liebt jede Person, die er erschaffen hat, unendlich mehr als ich (z.B.) meine kostbaren Enkelkinder liebe. Dennoch kann ich mir nicht für eine Sekunde vorstellen, dass ich sie zu einem Ort ewiger Qualen schicke (oder dass sie vernichtet werden, wenn du an den Annihilationismus, die Vernichtung der Ungläubigen, glaubst) nur weil sie bestimmte Glaubensüberzeugungen aufrichtig anzweifelten.

  1. Das Glaubensmodell, das Menschen ermutigt nicht zu zweifeln, kann sehr gefährlich sein.

Der Großteil religiös motivierter Gewalt in der Geschichte – welcher zumindest ein Bestandteil der meisten Gewalt der Geschichte ist – wurde von Menschen gerade deshalb ausgeübt, weil sie absolut sicher waren, dass sie recht hatten. Hätten zum Beispiel die 19 islamischen Terroristen, welche am 11.09. so viele Menschen töteten (inklusive sich selbst), ihre Anschauungen über den gewalttätigen Jihad und ihre gewalttätigen Führer in Frage gestellt, würden die Zwillingstürme immer noch stehen und die rund 2500 Menschen immer noch am Leben sein.

Religion hat immer wieder zu Gewalt beigetragen, weil sie sich mit den höchsten Idealen der Menschen befasst. Jedes Ideal, das höher gewertet wird als ein Menschenleben, ist ein Ideal, das zu schützen oder voranzubringen sich Menschen früher oder später gerechtfertigt fühlen, andere zu töten. In der Tat ist das einzige Ideal, welches nicht zu Blutvergießen führen kann, das Ideal, welches Jesus durch sein Beispiel und seine Lehren gibt: nämlich das Ideal der selbstaufopfernden Liebe, in dem gelehrt wird, dass es besser ist durch die Hand der Feinde zu sterben als sie zu töten. Leider haben nur wenige Christen im Laufe der Geschichte diese Lehre ernst genommen, und das ist der Grund, wieso das Christentum mindestens genau so viel Blutvergießen verursacht hat wie andere Religionen.

In dem Maß in dem religiöse Menschen sicher sind, dass ihre, die Gewalt rechtfertigenden Ideale wahr sind, können ihre Ideale nur zu mehr Blutvergießen führen. Und deshalb behaupte ich, dass Glaube, der nicht hinterfragt wird, gefährlich ist.

Wenn die Glaubensinhalte einer Person falsch sind, kann nur der Zweifel dabei helfen, der Wahrheit näher zu kommen und gleichzeitig die Bereitschaft zu drosseln, ihren Glauben mit Gewalt zu verteidigen. Und wenn der Glaube einer Person wahr ist, wird der Zweifel nur dabei helfen, diesen Glauben zu bestätigen und zu veredeln. In beiden Fällen ist der Zweifel nicht unser Feind, sondern unser Freund.

  1. Der Versuch uns selbst zu überzeugen dass wir die wahren Glaubensüberzeugungen haben, kann Götzendienst sein.

Wenn Menschen das Gefühl haben, sie wären geliebt, hätten Wert und stünden sicher vor Gott da (sie wären „gerettet“), weil sie die richtigen Dinge für wahr halten, dann erhalten sie ihr Leben aus ihrem Vertrauen in ihre Glaubenslehren über Gott, anstatt aus ihrer Beziehung zu Gott.

Die Argumente die ich aus meinem Buch, Benefit of the Doubt, zusammengefasst habe, gehören zu den Gründen, weshalb ich kein Fan des weit verbreiteten Gewissheit suchenden, Zweifel vermeidenden Glaubensmodells bin. Und ich habe die Tatsache, dass dieses Glaubensmodell Lichtjahre vom biblischen Glaubensmodell entfernt ist, noch nicht einmal betrachtet. Deshalb werde ich das in meinem nächsten Artikel – Biblischer Glaube vs. Magischer Glaube – tun.

Bis dahin ermutige ich euch, dem Charakter des in Christus offenbarten Gottes zu vertrauen und in einer Vertrauensbeziehung zu diesem Gott zu leben. Aber bitte, bitte lasst euch nicht im Denken einfangen, ihr müsstet Zweifel ausblenden und euch von irgendetwas selbst überreden.

Ich ermutige euch nicht nach Gewissheit, sondern stattdessen nach Treue zu streben. Und lebt in Liebe, wie Christus euch geliebt und sich für euch hingegeben hat!

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