Glaube & Zweifel 1/3: Gibt es Platz für Zweifel im Glauben?

Heutzutage gehen viele Christen davon aus, dass Glaube der Gegensatz von Zweifel ist. Gemäß dieser Sichtweise ist der Glaube einer Person in dem Maße stark, in dem sie ihre Glaubensüberzeugungen nicht hinterfragt und mit dem Gott, an den sie glaubt, nicht ringt. Ich bin der Meinung, dass diese Sichtweise unbiblisch und zutiefst nutzlos ist, auch wenn sie weit verbreitet ist.

Meine Erfahrung als Pastor und Professor hat mich gelehrt, dass Menschen die davon ausgehen, dass Glaube und Zweifel unvereinbar sind, ausnahmslos versuchen Letzteren zu vermeiden. In der Tat, wenn Glaube mit psychologischer Gewissheit gleichgestellt wird, dann wird die Erfahrung der kognitiven Dissonanz (innerer Spannungszustand aufgrund widersprüchlicher Überzeugungen) – eine Erfahrung die die Voraussetzung für fast jedes Lernen ist – leicht als etwas Böses interpretiert, welches daher unter allen Umständen zu vermeiden ist. Wer mit diesem unglückseligen Glaubenskonzept behaftet ist, findet es verständlicherweise und aus offensichtlichen Gründen schwer, wenn nicht sogar unmöglich, die Verdienste von Sichtweisen, die sein Glaubenssystem herausfordern, ehrlich anzuerkennen, geschweige denn, sie in ihrer ganzen Bedeutung wahrzunehmen. Stattdessen nehmen sie schnell die nächstbesten zur Verfügung stehenden „Lösungen“ in Anspruch, nicht etwa weil diese Sichtweisen den Herausforderungen adäquat begegnen, sondern einfach, weil es ihnen dann möglich ist, sich in der Gewissheit zu sonnen, dass ihre Ansichten richtig sind.

Um diese Neigung zu hinterfragen, betrachten wir einmal den Namen, den Gott seinem Bundesvolk  gegeben hat: „Israel“. Gemäß der Erzählung aus 1. Mose geht dieser Name auf eine ziemlich bizarre Begebenheit zurück, die an einem Wendepunkt in Jakobs Leben stattfand. Dieser Stammvater der Nation Israel erlebte offenbar einen Ringkampf mit dem Gott, in der Gestalt eines Mannes, der eine ganze Nacht lang dauerte (1. Mose 32,24-32). Seltsamerweise wird uns mitgeteilt, dass der Herr „ihn nicht überwältigen konnte“ und dass Jakob den Mann nicht loslassen wollte, bis er ihn  „segnete“ (v. 25).  Wegen dieser Hartnäckigkeit gab der Herr ihm den neuen Namen „Israel“ (Yisra’el). Dieser Name bedeutet gemäß dieser Erzählung „einer der mit Gott kämpft“ (v. 29). Und aus diesem Grund wurde Gottes Volk „die Israeliten“ genannt – Menschen die hartnäckig mit Gott ringen, genauso wie es ihr Stammvater getan hatte.

Die Schrift ist voll von Beispielen Jakob-ähnlicher Ringkämpfe mit Gott. Die biblische „Klageliteratur“ – eingeschlossen der Tradition der „Klage gegen Gott“ – findet man im gesamten Alten Testament. Viele Psalmen stellen kühne Fragen, drücken Zweifel aus und bringen sogar Anschuldigungen gegen Gottes Treue vor, indem sie die Gerechtigkeit seiner  Vorsehung in Frage stellen (z.B. Ps. 89,20-49). Als der Schmerz und Ärger wuchs, verhielt sich Hiob ähnlich. Er machte nicht Halt davor, Gott zu beschuldigen, dieser habe ihn und andere grob misshandelt. Auch wenn Gott ihn schließlich wegen seiner theologisch falschen Darstellung tadelte (die Hiob selbst bereute, siehe Hiob 42), lobte Gott ihn trotzdem für seine ehrlichen und mutigen Reden. Im Gegensatz zu seinen fromm-klingenden „Freunden“, war Hiobs Rede ehrlich und authentisch. (kûn, 42,7) [1] Offensichtlich schätzt Jahwe raue Wahrheit mehr als fromme Plattitüden. Auf ähnliche Weise beschuldigt der Prophet Habakuk Gott, er behandle die Ungerechten besser als die Gerechten (z.B. Hab. 1,3-4,13), während Jeremia die Dreistigkeit besitzt Gott zu beschuldigen, er betrüge und quäle sein eigenes Volk (Klagelieder). Noch wichtiger ist, dass Jesus selber diese Tradition, sowohl in seinen Lehren (z.B. Lukas 11,5-9; 18,1-8) als auch in seinem eigenen Beispiel (z.B. in seinem „Schrei der Verzweiflung“ am Kreuz) bestätigt.

Auch wenn die Äußerung von Zweifeln und das Hinterfragen von Gott im Gegensatz zur modernen, populären Vorstellung von Glauben stehen, passen sie perfekt zum biblischen Verständnis. Die Essenz von „Glauben“ in der biblischen Tradition ist nicht eine blinde Unterordnung ohne zu Denken oder sogar eine unerschütterliche psychologische Gewissheit. Vielmehr ist Glaube im Grundsatz das Konzept eines Bundes, der die Bereitschaft ausdrückt, einander zu vertrauen und in der Beziehung zueinander vertrauenswürdig zu sein.

Für eine vertiefte Lektüre zum Thema empfiehlt sich „Benefit of the Doubt“ von Gregory Boyd.

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[1] Das hebräische Wort kûn  hat die Konnotation von „aufrecht, ehrlich“ Siehe R. L Harris, G. L Archer and B. K. Waltke, Theological Wordbook of the Old Testament, 2 vols. (Chicago: Moody, 1980), I:433-34. Für weitere Erläuterungen zur Theologie Hiobs und zur Rolle der unzutreffenden Beschreibung Gottes durch Hiob, siehe G. A. Boyd, Satan and the Problem of Evil: Constructing a Trinitarian Warfare Theodicy (Downers Grove, IL: InterVarsity, 2001), 221-26, 403-06. Zum Thema Hiob als Beispiel für die Tradition alttestamentlicher Klage gegen Gott, siehe Kynes, “Trials of Job.

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