2012-12-30_Boyd_Ein_Brief_an_Henry

Ein Brief an Henry (2/3)

Anstelle einer Zusammenfassung der Predigt, möchten wir hier den Brief von Jessica und Ian an Henry mit euch teilen:

Liebster Henry
Vor einigen Jahren wohnten wir in einer winzigen Wohnung. Papa war bei der Arbeit und ich machte einen Test. Ich hatte schon früher Schwangerschaftstests gemacht, aber dieser war anders – dieser zeigte zwei Linien! In dem Moment war ich überwältigt von der Symbolik: eine Linie für mich und eine Linie für das Leben, für welches ich nun verantwortlich war. Das Leben, welches ich für den Rest meines Lebens hegen und pflegen würde. Das war mein Plan. Ich glaube es war auch Gottes Plan.

Deine ersten zwei Jahre zu geniessen war mehr… mehr von allem, was dein Papa und ich erwarteten. Schwieriger, lohnender, schmerzhafter, freudiger, ermüdender und aufregender als wir jemals über Elternschaft dachten.
Dein herziges, kicherndes Lachen brachte uns immer dazu, mitzulachen, deine grossen blauen Augen konnten uns dazu bringen, unsere bereits gefällten Entscheidungen zu ändern. Deine Kreativität, Geschäftigkeit, Intelligenz und Koordination hauten uns ständig um. Wir spekulierten, dass du ein Ingenieur oder Chirurg werden wirst oder sonst irgendetwas tun wirst, was dein unglaubliches Potenzial realisieren wird. Das war unser Plan. Wir glauben dass es auch Gottes Plan war.

Als Miriam dazu stiess, freuten wir uns darüber, wie ihr beiden miteinander umgingt. Eure sanften Umarmungen und Küsse, die Art wie ihr kichertet und einander nachranntet, ja sogar eure Ein-Wort-Diskussionen darüber, ob etwas „lecker!“ oder „feeeein!“ war. Ihr bewundernder Blick blieb vom ersten Moment an, als sie dich traf, hängen, und als du ihr den Spitznamen „beste Freundin Miwi“ gabst, wussten wir, dass ihr beiden eine lebenslange Freundschaft geniessen würdet. Das war unser Plan. Wir glauben, dass es auch Gottes Plan war.

Das Jahr vor deinem irdischen Tod war schwierig. Wir versuchten es wieder und wieder, aber wir konnten nicht verstehen, welche Herausforderungen vor dir und uns standen. Wir hatten keine Kenntnis von dieser grausamen Krankheit, aber lernten über Gnade, Vergebung, Geduld, und Beharrlichkeit in dieser Zeit. Wir kicherten immer noch, spielten und arbeiteten, aber erst als dein Körper äusserliche Zeichen gab, begannen wir die Quelle deines Leidens zu begreifen.
Als wir von deinem Hirntumor erfuhren, beteten wir. Tausende beteten. Wir forderten im Gebet, wir flehten im Gebet, wir beanspruchten Autorität im Gebet, wir machten Selbstanalyse und bekannten unsere Fehler im Gebet, wir trafen uns in Gruppen zum Gebet, und wir weinten leise, alleine im Gebet.
Wir taten alles, was uns in den Sinn kam, um unsere Gebete zu verstärken – die Gebete um eine Wunderheilung. Eine Wunderheilung war unser Plan, und wir glauben, dass, als du krank wurdest, das auch Gottes Plan wurde.

Viele schreiben übereilt Gottes Namen unter deine Krankheit, dein Leiden, deinen Tod. Im Alten Testament schrieb Hiob sein Leiden auch Gott zu, aber nachdem Gott Hiob mit seiner Unkenntnis über die Komplexität des Universums konfrontierte, tat Hiob Busse, und gab zu, dass er über Dinge gesprochen hatte, die er nicht verstand. (Hiob 42,3)
Dein Papa und ich verstehen auch nicht. Wir verstehen nicht, warum gerade du so jung leiden und sterben musstest. Wir verstehen nicht, warum die Gebete von Tausenden nicht die Oberhand gewannen. Wir wissen es einfach nicht.
Aber ein paar Dinge wissen wir. Wir wissen, dass sich vieles hinter den Kulissen dieser gefallenen Welt abspielt, einer Welt unter enormem Einfluss von Gottes mächtigem Gegenspieler. Wir wissen, dass geistlicher Kampf in unser Leben eindringt und oft Verwüstung hinterlässt.
Wir wissen auch, aufgrund von Hebräer 1,3, dass Jesus das vollkommene Abbild von Gottes Herrlichkeit ist, der unverfälschte Ausdruck seines Wesens. Wir wissen, dass dieser unverfälschte Ausdruck Gottes, Jesus Christus, kam, um Leben zu geben, Leben im Überfluss. Darum wissen wir, dass deine Schmerzen, dein Tod, nicht von Gott kamen, sondern aus einer bösen Quelle. Und wir wissen eine entscheidende Sache – wir wissen wie man Widerstand leistet.
Wir werden Widerstand leisten mit… Übergabe. Wir übergeben den Zorn, die Verzweiflung, die Niederlage, die wir empfinden. Wir legen diese Dinge zu Jesu Füssen, dem die Schlacht gehört.
Wir wissen, wie er für uns kämpfte – mit totaler Selbstaufopferung. In der Tat ist dieses Opfer unsere Gewissheit, dass wir dich wiedersehen werden.
Stattdessen werden wir uns bemühen, unsere Energie einzusetzen, um großzügig zu sein gegenüber denen, die nie zurückzahlen können, sanft zu sein gegenüber denen, die es nicht leicht machen, in das Leben jener zu investieren, die leiden, und um – ein ums andere Mal – die freimachende Liebe Christi zu verbreiten.
Manchmal werden wir dabei Fehler machen, aber wir versprechen, so zu leben, um dich zu ehren, Henry, und um den zu ehren, der nun sanft deine kleine Hand festhält. Das ist unser Plan. Und ein Leben in aufopfernder Liebe zu leben, nun, das ist allemal auch Gottes Plan.

Süßer Junge, du fehlst uns, bei jedem Atemzug, aber wir werden alle viel schneller wieder zusammen sein als wir denken und den endgültigen Sieg der Liebe feiern.

Bis dann, Teuerster, all unsere Liebe.
Mama & Papa

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