Glaube & Zweifel 3/3: Biblischer Glaube vs magischer Glaube

Eine der Kernüberzeugungen von ReKnew und Überdenken besteht darin, dass wir glauben, dass es für die Kirche an der Zeit ist, die allgemein verbreiteten Annahmen über den Glauben zu überdenken. Glaube ist das Herz davon, was es bedeutet, Jesus nachzufolgen und unter der Herrschaft Gottes zu leben. Trotzdem denken Christen selten darüber nach, was es bedeutet, „Glauben“ zu haben. Jeder geht davon aus, bereits zu wissen, was „Glaube“ bedeutet.

Wir finden, dass es für Gläubige an der Zeit ist, zu überdenken, was wir bereits zu wissen annehmen – eingeschlossen, was die meisten bereits meinen, über die Wahrheit über den „Glauben“ zu wissen.

Nach dem ersten Artikel zum Thema „Gibt es Platz für Zweifel im Glauben?, und dem zweiten Artikel „Glaube ist nicht Gewissheit, erläutert Greg Boyd hier einen weiteren Aspekt dieser Thematik.

Obwohl ich nie die Aufrichtigkeit irgendeines Gläubigen in Frage stellen würde, geschweige denn die „Erlösung“ irgendeines Gläubigen (als ob irgendjemand anderes als Gott darüber urteilen könnte), scheint es mir, dass das, was viele (wenn nicht die meisten) freikirchlichen Christen heutzutage „Glauben“ nennen, tatsächlich magischem Denken näher steht als dem biblischem Glauben.

Eine Person zeigt „magisches Denken“ oder „magischen Glauben“, wenn sie glaubt, dass es besondere Verhaltensweisen gibt, die sie befähigen, in der geistlichen Welt entweder Gunst zu gewinnen, oder sie auf andere Weise zu ihrem Vorteil zu beeinflussen. Abhängig von Kultur oder religiösem System, kann die „geistliche Welt“, welche ein Zauberei Praktizierender zu beeinflussen sucht, aus allem Möglichen bestehen, sei es aus einer unpersönlichen Kraft (z.B. „Tao“), bestimmten Engeln, oder dem Gott, der alles geschaffen hat und erhält. Ebenfalls abhängig von Kultur oder religiösem System ist das relevante magische Verhalten des Ausübenden, wie Gesänge, (Zauber)-Sprüche, Opfer oder andere Arten von Ritualen. Oder der Praktizierende kann einfach um die Gunst des Gottes oder Engels buhlen, indem er gehorsam offenbarte Wahrheiten annimmt oder indem er gehorsam an speziellen Handlungen teilnimmt, die den Ausübenden mit dem Willen Gottes oder der Engel eins werden lassen.

„Magischer“ und biblischer Glaube unterscheiden sich unter anderem darin, dass es bei der Magie um die Ausübung einer Verhaltensweise geht, das letztendlich dem Ausübenden einen Nutzen bringt, während es beim biblischen Glauben darum geht, eine Beziehung mit Gott wachsen zu lassen, die auf der Basis gegenseitigen Vertrauens aufbaut. Und obwohl die Gott-Mensch Beziehung, genauso wie alle vertrauensvollen Mensch-zu-Mensch Beziehungen, sowohl Gott als auch der Person zu gute kommen, geht man sie nicht als Mittel zum Zweck ein. Während magischer Glaube utilitaristisch, auf den Nutzen ausgerichtet ist, ist biblischer Glaube einfach treu.

Lasst uns in diesem Licht ehrlich darüber nachdenken, wie manche freikirchliche Christen Glauben verstehen und praktizieren. Wer schon einige Zeit in freikirchlichen Kreisen verbrachte, hat sicher schon gehört, wie Prediger über Lehrgrundsätze sprachen, die „essentiell für die Erlösung“ sind, im Gegensatz zu anderen, die es nicht sind. Die Details sind unterschiedlich und abhängig von der Konfession und Kirche. Aber die „essentiellen Lehren“ sind gewöhnlich Dinge wie die Gottheit Christi, die Dreieinigkeit, das letzte Gericht und der stellvertretende Tod Christi.

Fundamentalistische Konfessionen und Kirchen schließen in diese Kategorie typischerweise auch noch andere Überzeugungen mit ein, wie etwa die Unfehlbarkeit der Schrift, das Verständnis von Gottes alles kontrollierender Souveränität, eine bestimmte Art der Taufe oder ein bestimmtes Verständnis der Hölle. Zur Verdeutlichung ein Beispiel: Vor einigen Monaten schickte mir jemand das Video eines fundamentalistischen Predigers, der öffentlich auf einem regionalen Kabelfernsehsender verkündigte, dass ich (mit Namen) endlose Qualen erdulden würde, da ich dem Annihilationsmus anhängen würde, also an die Vernichtung der Ungläubigen glaube und nicht an das Konzept der ewigen Qualen. (Korrekt ist, dass ich zwar überzeugt bin, dass die Lehre der ewigen Qualen falsch ist, aber lediglich zu der Sicht des Annihilationismus tendiere, weil ich glaube, dass, wenn Gott alle retten könnte, er es auch tun würde. Die Passagen der Schriften über universelle Erlösung (z.B. Röm. 5,18; 1. Kor. 15,22) geben mir einen Schimmer Hoffnung, dass Gott es tun wird – in den Augen dieses Predigers würde diese Nuance (Allversöhnung) meine Zukunft natürlich nicht verbessern.)

Gleichzeitig gehen viele (wenn nicht die meisten) freikirchlichen Christen davon aus, dass, obwohl alle Christen gesündigt haben, es einige “Todsünden“ gibt, die dazu führen, dass eine Person die Erlösung verliert (oder darauf hinweist, dass diese Person nie „wirklich“ erlöst war), wenn derjenige nicht bereut. So habe ich noch nie einen freikirchlichen Verkündiger predigen hören, dass Gier, Völlerei oder Klatsch, die nicht bekannt wird, eine Person davon abhält „erlöst“ zu werden. Aber die meisten freikirchlichen Christen gehen davon aus, dass Homosexualität auf jeden Fall dazu führen wird, auch wenn sie im Kontext einer lebenslangen monogamen Beziehung praktiziert wird, und auch dann, wenn Leute aufrichtig glauben, dass es keine Sünde in Gottes Augen ist.

Dabei ist es hier nicht meine Absicht die Richtigkeit oder Falschheit dieser Überzeugungen und Verhaltensweisen zu kommentieren. Es geht darum zu fragen: Spiegelt diese Einstellung zu Überzeugungen und Verhaltensweisen ein biblisches oder ein magisches Verständnis von Glauben wieder? Offen gesagt, scheint es mir näher bei Letzterem zu liegen.

Beachtet, dass die freikirchlichen Christen, von denen ich spreche, „essentielle“ offenbarte Wahrheiten glauben und „Todsünden“ vermeiden, damit sie Gott dazu bewegen ihnen „Erlösung“ zu gewähren (typischerweise als Sicherheit vor der Hölle verstanden). Calvinisten werden sicherlich einwenden, dass Menschen Gott zu gar nichts bewegen können. Menschen machen sich vielmehr offenbarte Wahrheiten zu eigen und vermeiden “Todsünden“ weil Gott sie schon erlöst hat. Na gut, aber bei diesem Thema ist dieser Unterschied unerheblich, weil Menschen sich so oder so Verhaltensweisen aneignen und Überzeugungen glauben, damit sie sich in ihrer Erlösung sicher fühlen.

Ich schließe ich mit dieser Frage: Inwiefern unterscheidet sich dieses gängige freikirchliche Verständnis von Glauben wirklich von magischem Denken? Die Inhalte, an die Christen glauben, unterscheiden sich offensichtlich von denen, die Zauberei praktizieren. Aber die Art, wie sie es glauben, und die Motive für ihren Glauben scheinen sehr ähnlich. Wir halten offenbarte Wahrheiten für wahr und praktizieren bestimmte Verhaltensweisen, während wir andere vermeiden, mit dem Ziel, bei Wesen in der geistlichen Welt Gunst zu gewinnen oder sie sonstwie zu unserem Vorteil zu beeinflussen. Das erscheint mir magisch.

Auf jeden Fall sieht das ganz anders aus als das Eingehen einer Vertrauensbeziehung mit unserem Schöpfer als ein Ziel in sich selbst.

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